Mrz 30 2009

Weltkriege stoppen die Ideen / Geschichtliche Hintergründe der Kronenwerke

Am 13.02.2009 wurde bei SN-Online ein Artikel über unsere Kronenwerke veröffentlicht. Vielen dank an den Journalisten Wilhelm Gerntrup an dieser Stelle. Wir zitieren den Bericht hier, da er auf der Homepage der Schaumburger Nachrichten nicht mehr existent ist, wir ihn aber unbedingt hier veröffentlichen möchten.

Brauerei, Margarinefabrik, Pralinenproduktion, Rum-Lager, Impfstoffherstellung, Landhandel, Musikpalast, Mietwerkstatt, Schlosserei und Kneipe – kaum ein anderer Bückeburger Standort hat so viel erlebt wie die „Kronenwerke“. Der Startschuss in dem direkt hinter dem Bahnhof gelegenen Komplex fiel vor 100 Jahren.

Es war die erste industrielle Fertigungsanlage Bückeburgs überhaupt. In den Jahrzehnten zuvor hatten die fürstlichen Schlossbewohner alles, was Krach, Staub und Gestank machte, von der Residenz ferngehalten. Eine Brauerei weit außerhalb des Zentrums schien gerade noch erträglich, zumal die Investoren eine repräsentative Bauweise versprachen.
In der Tat ließ die Gruppe um den erfolgreichen Stadthäger Zigarrenkistenfabrikanten Otto Bosse ein stattliches, beinahe herrschaftlich anmutendes Gebäudeensemble errichten. Besonders viel Aufwand wurde bei der Gestaltung der beiden im direkten Blickfeld des Bahnhofs hochgezogenen Bauten betrieben – dem Kessel- und Maschinenhaus und der östlich daneben errichteten Betriebsleiter-Villa. Der damals amtierende Fürst Georg, der seine illustren Staatsgäste mit Kaiser Wilhelm II. an der Spitze des Öfteren auf dem Bahnsteig zu empfangen pflegte, durfte mit der Außenwirkung zufrieden sein.
Heutige Besitzer und Betreiber des im Laufe der Zeit durch Werkstätten, Garagen, Silos und andere Funktionsbereiche ergänzten Komplexes sind drei unternehmungslustige Freunde. Als vor fünf Jahren die Raiffeisen-Genossenschaft die stark heruntergekommene Industriebrache los werden wollte, griffen Mike Timpe, Clemens Kopka und Bernd Heinze beherzt zu. „Den Ausschlag haben Architektur, Geschichte und die Möglichkeit zur Entwicklung kreativer Nutzungsformen gegeben“, schmunzelt Bernd Heinze beim Rückblick auf die Entscheidungsphase. „Wir waren uns sicher, dass wir hier etwas Besonderes auf die Beine stellen konnten“. Leitidee sei von Anfang an die Schaffung eines kulturellen Treffpunkts für junge und jung gebliebene Leute gewesen. Mit der 2006 ins Leben gerufenen Musikinitiative „United Noise“ ist inzwischen ein vielversprechender und – auch und vor allem außerhalb Bückeburgs – viel beachteter Ansatz gelungen. Bislang hat das Unternehmer-Trio nach eigener Aussage die Übernahme der Kronenwerke noch niemals bereut. Fehlende Finanzreserven wurden durch Fleiß, eigenes handwerkliches Know-how und mit tatkräftiger Unterstützung eines immer größer werdenden Helferkreises ausgeglichen. Der Tradition entsprechend haben sich die drei mit ihren Familien in der von Grund auf sanierten Direktoren-Villa niedergelassen.
Rock und Reggae
Dass in ihrem Brauereibetrieb einmal Rock, Funk, Soul und Reggae gespielt werden würde, hätten sich die Gründerväter vor 100 Jahren nicht einmal im Traum vorstellen können. Ihre Entscheidung hatte mit dem damals boomenden Biergeschäft zu tun. Vor allem die Nachfrage nach untergärig gebrautem Gerstensaft war rapide gestiegen, seitdem dessen Herstellung – aufgrund der von Carl von Linde 1876 erfunden Kältemaschinentechnik – das ganze Jahr hindurch möglich war. Die Folge: Überall im wilhelminischen Deutschland schossen neue, mit automatischen Flaschenfüll-, Etikettier- und Waschanlagen ausgestattete Brauereien aus dem Boden.
Auch die neue „Kronen-Brauerei zu Bückeburg GmbH“ war in puncto Technik auf dem neuesten Stand. „Eine 50-pferdige, mit Ventilsteuerung versehene Dampfmaschine setzt alle in der Brauerei befindlichen Maschinen in Bewegung“, beschrieb die Zeitung den Produktionsablauf. Die Braupfanne werde mit dem Abdampf der Dampfmaschine geheizt, und mittels eines leistungsfähigen Kühlaggregats könnten täglich bis zu 70 Zentner Kunsteis hergestellt werden. „Besonders schön sind die Kellerräume, deren Temperatur etwas unter 0 Grad beträgt und in dem rund 260 000 Liter ablagern können“. Das Wasser lieferten zwei auf dem Grundstück neu angelegte Brunnen. Bei Bedarf konnten pro Stunde 25 Kubikmeter hoch gepumpt werden. Anfang Dezember 1908 wurden sämtliche Wirte und Bierhändler aus Bückeburg und Umgebung zu einer Besichtigung des neuen Betriebes und zu einer ersten Kostprobe des „hochfeinem Lager- und Weizenmalz-Biers“ eingeladen.
„Die vorgenommene Probe stellte dem Erzeugnis das beste Zeugnis aus“, wusste die Zeitung tags darauf zu berichten. „Nach dem Urteile von Kennern ist das Bier der Kronenbrauerei nicht nur wegen seines guten Aussehens, sondern vor allem wegen seines guten Geschmacks zu loben.“
Gut zehn Jahre nach dem vielversprechenden Auftakt war es mit dem Traum von Bückeburg als neuer Brauerei-Metropole wieder vorbei. Während des Ersten Weltkriegs und danach war den Deutschen nicht nach Feiern und Zuprosten zumute. Die Kronenwerke-Investoren stiegen kurzerhand auf die Produktion eines anderen, damals stark gefragten Nahrungsmittels um. Vom 1. Januar 1921 an hieß die Firma „Kronenwerke Margarinefabrik“.
„Schaumburger Stolz“ aufs Brot
Die Umstellung von Malz- auf Fettproduktion erwies sich als vielversprechender Erfolg. Markennamen wie „Bück-Mar“, „Schaumburger Stolz“ oder „Bückele“ wurden überregional zum Begriff. Doch dann machte ein neuerlicher Waffengang dem Aufwärtstrend ein Ende. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 riss der Zugang zu den Exportländern von Kokos-, Wal- und Sojaöl ab. Die Kronenwerke machten zum zweiten Mal dicht. In den größten Teil der verlassenen Produktionshallen zog, um den alliierten Bombern zu entgehen, der Hannoversche Schoko-Fabrikant Sprengel ein. Den Rest übernahm eine Bremer Spirituosenfirma und unterhielt dort ein gut gefülltes Rum-Lager. Das sollte zu folgenschweren Ereignissen für die Bückeburger führen.
Nach dem Krieg wurde der weitläufige Gebäudetrakt zunächst vom Pharma-Hersteller Schering belegt. Der Konzern ließ in einem Teil der Hallen Fleckfieber-Impfstoff zusammenmischen. Doch die 1947 mit einer Sondergenehmigung der Engländer angelaufene Produktion lohnte sich bald nicht mehr. Ab 1948 wurde wieder Margarine hergestellt. Der Absatz entwickelte sich erneut vielversprechend. Beliefert wurden Abnehmer in ganz Westdeutschland. Doch dann brach erneut die Nachfrage ein. Diesmal war es keine Kriegsnot, sondern der Wohlstand, der der Produktion ein Ende setzte. Immer mehr Wirtschaftswunderkinder wollten anstelle von Margarine „echte“ Butter aufs Brot streichen. Dem heftigen Verdrängungswettbewerb fiel Ende 1954 auch die Kronen-Fabrik zum Opfer. Die Gesellschafter verkauften das Areal an die Bückeburger Landwirtschaftliche An- und Verkaufsgenossenschaft. Die wurde später von der Raiffeisen-Genossenschaft übernommen, und von dort ging das Anwesen 2002 in die Hände des derzeitigen Besitzertrios über.Veröffentlicht am 13.02.2009 20:57 Uhr

©Wilhelm Gerntrup [via]